Ich laufe nicht weg, ich nehme nur Anlauf

Manchmal überrennen einen die Ereignisse und die eigenen Gefühle. Gerade in Krisenzeiten wie einer Trennung von einem geliebten Menschen oder auch einem Kontaktabbruch mit dem eigenen Kind.

Solche Krisen unterscheiden sich von dem sonstigen Wahnsinn, der uns im Alltag begegnet, durch ihre existenzielle Bedeutung. Wenn nichts klappen will – die Banking-App streikt, das Auto gibt den Geist auf, die Miete wurde zu früh vom Konto abgebucht und zu allem Überfluss ist das Klopapier im Supermarkt alle: All diese Kleinigkeiten sind natürlich nicht zu vergleichen mit den großen Krisen, die uns in unserer Existenz bedrohen und den Kern unseres Daseins triggern.

Wie gehe ich jetzt mit solchen Krisen um? In den Akutphasen helfen uns die typischen Kalendersprüche meist nicht weiter – auch wenn sie sicherlich ihren Sinn haben und sich oft bewahrheiten. Es bedarf mehr, es bedarf aus meiner Sicht zweier Dinge. Das eine, was ich beeinflussen kann, und das andere, was wir am Ende dieses Artikels betrachten.

Das Beeinflussbare ist das Sammelsurium an Tools in unserem Werkzeugkasten, die uns dabei helfen können, mit diesen Situationen umzugehen. Beginnend mit den Gesprächen, wie ich es auch hier im „Eltern Rat Vater Rat“ anbiete. Allein durch das Aussprechen und das eigene Formulieren sehen viele Themen und Probleme schon anders und oft auch beherrschbarer aus. Der zweite Schritt ist die Reflexion, die Ehrlichkeit zu sich selbst und das gemeinsame Nachdenken darüber, was es für einen bedeuten kann. Mir ist in diesem Kontext immer wichtig, bei sich zu bleiben und nicht die Lösungen in der Welt zu suchen. Nicht alle anderen sind komisch, sondern etwas an meiner Haltung, meinem Sein veranlasst die anderen, so zu reagieren. Meine Aufgabe ist es hier nicht, mein Verhalten anzupassen, um dem anderen zu gefallen, sondern die eigenen Reaktionen anzupassen, um mit sich selbst im Reinen zu sein.

Der zweite große Themenkomplex ist das so simple Innehalten – nicht zu verwechseln mit einer Lethargie oder dem Gefühl, ich kann nicht mehr und mache nichts mehr. Hier passt der Spruch aus der Überschrift. Ich möchte euch einladen, auf diese Zeiten einfach mal anders zu blicken. Nämlich im wörtlichen Sinne gemeint: „Ich laufe nicht weg, ich nehme nur Anlauf.“

In dieser Phase besinne ich mich auf mich selbst und die Themen, die mich persönlich umtreiben. In diesen Phasen entsteht die am Ende so wichtige Haltung, die uns durch die Phasen tragen kann, die als große Herausforderungen auf uns warten.

Es sind Fragen, die sich „nur“ auf mich beziehen: Was ist mir wichtig? Wo fühle ich mich geborgen? Was bedeutet für mich Beteiligung oder wie viel Raum will ich auf dieser Welt einnehmen? Natürlich steht hinter jeder dieser Fragen auch ein gewisser Maßnahmenplan: Wie kann ich mehr Raum im Leben einnehmen? Wie komme ich mit Menschen in Kontakt und was will ich in diesem Kontext?

Wie das individuell und für jeden funktionieren kann, wird man am Ende des Tages nur selbst oder im gemeinsamen Reflexions- und Orientierungsgespräch herausbekommen. Hier gibt es keine Patentlösungen, da das Leben nun mal so unterschiedlich ist wie wir Menschen, die in diesem Leben leben.

 

Ich hoffe, ihr könnt mit dem Gedanken etwas anfangen, dass man auch mal Zeiten des Innehaltens benötigt, die eben kein Weglaufen sind. In diesen Zeiten nehmen wir tatsächlich für die Herausforderungen, die auf uns warten, den entsprechenden Anlauf, den es braucht.