Für unser heutiges Thema des Monats wollen wir mal auf uns als „umgangsberechtigtes Elternteil“ schauen. Was hat unsere Geschichte, die Verfahren, das wenige Sehen der Kinder oder auch die Trennung als solche aus oder besser mit uns gemacht?
Hierzu habe ich einen Text von mir gefunden, den ich 6 Jahre nach meiner eigenen Trennung geschrieben habe. Dieser Text ist in der Form eines Interviews als Teil eines Blogs entstanden:
Wir erinnern uns, dass der Vater, den wir begleiteten, seine Tochter nach der Trennung häufig, etwa alle 2 Tage, betreuen „durfte“, inkl. acht Übernachtungen im Monat, und letztlich in ein Residenzmodell gezwungen wurde, welches die Betreuung mehr als halbierte.
Tja, was sagt jetzt unser Vater, wie es ihm hinsichtlich der Geschichte und der Entwicklungen heute geht? Ein langer, tiefer Atemzug und eine krause Stirn zeigen, wie schwer ihm die Antwort fällt.
Er hat mittlerweile eine „neue“ Familie. Wie furchtbar, dass man das so sagt, aber es trifft die Realität. Er ist nicht mehr nur Vater seiner ältesten Tochter, sondern auch Vater von bald 3 weiteren wundervollen Kindern.
„Ihm gehe es hervorragend und er sei über und über von Glück erfüllt“, sagt er mit einem zu ernsten Blick für die schönen Worte. Gerade stehe er vor der Geburt seines vierten Kindes und ein deutliches Leuchten sei in seinen Augen zu sehen. Doch zeigt sich im selben Augenblick auch wieder dieser Blick, der nicht zu dem schönen Ereignis der Geburt passen möchte. Es werde immer ein Teil seines Lebens sein, dass ihm weite Teile des Lebens seiner Tochter genommen wurden.
Seine Trennung und Scheidung, der Betrug, die Lügen und die vielen tiefen Verletzungen seien im Laufe der Zeit immer mehr verblasst. Natürlich seien tiefe Narben zurückgeblieben, aber sein Leben habe sich so verändert, dass diese nicht weiter sind als „Rotwein-Erinnerungen“. Also Gedanken, über die man(n) an einem warmen Sommerabend sinnieren kann, um immer wieder zur Erkenntnis zu kommen, dass auch die schmerzlichsten Erlebnisse für etwas gut waren und ihn dahin gebracht haben, wo er heute ist. Glücklicher Vater von (bald) vier tollen Kindern, neben einer wundervollen Ehefrau.
Seiner Ex-Frau wolle er nichts mehr sagen, oder gar mit ihr etwas aufarbeiten. Es habe die Zeit gegeben, in der der Wunsch nach Klärung Aufarbeitung in ihm riesengroß gewesen sei, diese Zeit sei aber vorbei. Alles, was war, soll dort bleiben, wo es ist. Es gibt nur eine Sache, die er seiner Ex-Frau nie verzeihen kann und die immer zwischen ihnen stehen wird. Ihr respektloses Verhalten ihm und seiner Familie, inklusive der gemeinsamen Tochter, gegenüber.
Damals, als der Verdrängungsprozess begonnen hatte und letztlich in 2 Wochenenden im Monat und 4 Übernachtungen mündete, hat seine Ex-Frau ihm seine Tochter weggenommen. Die vielen unwiederbringlichen Stunden einer Kindheit, raubte sie ihm und natürlich auch seiner Tochter. Aufgrund ihres respektlosen Verhaltens und der immer wieder abgebrochenen Kommunikation, waren eine Ausweitung oder das Beibehalten des Umgangs, oder gar eine kindsorientierte Flexibilität/Umsetzung des Umgangs unmöglich.
Immer wieder schaffte sie Tatsachen, indem sie unter anderem einfach mit dem Kind über Umgangswochenenden Urlaub machte, ohne etwa vorher zu fragen. Selbst gegen Gerichtsbeschlüsse bzw. gerichtlich gebilligte Vereinbarungen, verstößt sie. Er musste immer fragen, bitten und betteln, ob er seine Tochter mal eine Stunde länger sehen durfte.
Das sei ihm im Nachhinein am schwersten gefallen. Die ewige Dankbarkeit gegenüber der Mutter, dass sie überhaupt Betreuung zuließe und das noch in diesem Maße. Vor allem in der Anfangszeit.
Aber war es nicht auch sein Kind, seine erste Tochter? Hatte seine Tochter nicht auch das Recht, einen Vater zu haben, der sie ins Bett bringt, auf den sie wartet, wenn er von der Arbeit kommt? Unser Vater arbeitet im Homeoffice und kommt meist gegen Mittag nach Hause, seine Kinder warten. Nur seine älteste Tochter hat dies in ihrem Leben nie erlebt. Sie kommt nur am Wochenende oder unter der Woche für wenige Stunden.
Die Realität hat in den Gedanken der Beteiligten sicher viele Gesichter. Seine Ex-Frau wird sicher sagen und wahrscheinlich auch glauben, dass er sich nie gekümmert habe. Dass er zu viel arbeitete und nie da gewesen sei. Aus so manchem Anwaltsschreiben klingt dieser Tenor heraus. Dass unser Vater die Flasche gab, nachts auf die Tochter aufpasste, in denen die Mutter bereits andere Menschen näher kennenlernen wollte, spielte in ihrer Realität keine Rolle mehr. Seine Realität ist eine andere. Sicher hatte er als Mittdreißiger manchmal das Maß und den Blick für das Wesentliche im Leben verloren. Ohne Frage hätte man sich zusammensetzen müssen und über Bedürfnisse sprechen sollen. In seiner Erinnerung habe er dies auch immer wieder versucht. Leider ohne Erfolg. Eine Ehe besteht nun mal aus zwei Menschen, die sich in diesen Phasen unterstützen und vor allem miteinander reden sollten, um Wege zu finden. Seine Ex-Frau hatte aber bereits andere Dinge und vor allem andere Menschen im Kopf.
„Wahrscheinlich hatte ich mit dieser Frau nie eine wirkliche Chance gehabt.“
Das ist das bittere Resümee, das er hinter die Ehejahre und Beziehungsjahre schreiben muss.
Wenn ich selbst diese Zeilen lese, merke auch ich bis heute eine gewisse Schwermut. Wir unterschätzen oft, was es für uns bedeutet, durch diese Geschichten zu gehen.
In der Eltern Rat Vater Rat Gruppe wurde das Thema der Selbstpflege wie auch der psychischen Belastung schon oft thematisiert. Auch in Zukunft soll dieses so wichtige Thema seinen Platz in der Gruppe haben. Gerade in der dunklen Jahreszeit ist es wichtig, sich Austausch zu suchen.
Ich ermutige jeden, gerne auch in der Fallbesprechung, das Thema "Wie geht Ihr mit dem/oder das um?“ Einzubringen.
Eins kann euch immer bewusst sein Keiner der Gedanken ist exklusiv nur bei euch … Ich denke, viele Mitglieder und auch die meisten Menschen, die Kinder im Herzen tragen, haben genau dort das größte Themenfeld.
Eine der Kernfragen aus meiner Sicht ist die Frage nach der eigenen Identität. Auch Fragen der Abhängigkeit von den Kindern sollten wir mal diskutieren. Daher lasst uns am 27.11. mal einen ermutigenden Blick auf unsere Identität als Trennungselternteil werfen und gemeinsam darüber diskutieren, was von und übrig bleibt, wo unsere Verantwortung als Eltern endet und wie man das Ganze überstehen kann.
Terminhinweis für den Eltern Rat / Vater Rat
https://www.eltern-rat.com/angebot/termine/
